Bund der Niederländer e.V.

Bund der Niederländer e.V.

Heimatlandschaft Nordböhmisches Niederland

Trägerverein

Neue Heimat in Böblingen

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verloren 3,5 Millionen Sudetendeutsche ihre Heimat, eine Tatsache, die heute kaum noch Beachtung in den Medien findet. Die ethnische Säuberung betraf auch die deutsche Bevölkerung aus dem nördlichsten Landstrich der Tschechoslowakei – dem sog. Schluckenauer Zipfel. 1945/46 wurden aus den Kreisen Warnsdorf, Rumburg und Schluckenau rund 94 000 Menschen vernichtet, verschleppt oder vertrieben[i].  Einfach über die Grenze gejagt oder gegen ihren Willen in Eisenbahnzügen abtransportiert, landeten die Vertriebenen im zerstörten Deutschland. Bis 1950 folgten ihren Landsleuten in die damalige Westzone noch tausende Freiwillige. Nach Lockerungen in der ČSSR in den 60er Jahren kam die Zeit der Spätaussiedler, die in der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen von Familienzusammenführungen eine neue Heimat fanden.

[i] Quelle: Dr. Wilhelm Pfeifer, Weißbuch Niederland 1980

Als im Herbst 1946 drei Eisenbahnzüge mit Vertriebenen aus dem Nordböhmischen Niederland am Böblinger Bahnhof ankamen, lag die Stadt noch in Trümmern. Damals wurde jede Hand gebraucht und so waren die deutschsprachigen Neuankömmlinge sehr willkommen. Die meisten von ihnen waren gut ausgebildete Arbeiter, darunter auch viele Fachleute. Sie beteiligten sich am Wiederaufbau, integrierten sich problemlos und fanden in und um Böblingen eine neue Heimat. Die nach Zusammenhalt suchenden Vertriebenen fanden im Böblinger Haus der Heimat einen geeigneten Begegnungsort, welchen sie gern und regelmäßig aufsuchten. Sie richteten sich dort eine Heimatstube ein, in die sie ihre Erinnerungen von „Zuhause“ mitbrachten. Hier tauschte man seine Sorgen und Erfahrungen und fühlte sich unter den Landsleuten wohl. Die Niederländer bauten liebevoll Modelle der von ihnen einst bewohnten Häuser, malten Bilder, schrieben Berichte über das Erlebte und brachten eine eigene Monatszeitung heraus. Im Juli 1953 veranstaltete der Bund der Vertriebenen (BdV) sein erstes großes Heimatfest im Böblinger Schönbuchsaal mit Kulturausstellung und Gewerbeschau.

Zu Pfingsten 1963 erfolgte anlässlich des Sudetendeutschen Tages in Stuttgart die Gründung des Bundes der Niederländer mit Sitz in Böblingen. Der nordböhmische Heimatverein (BdN) veranstaltete seine jährlichen Treffen, zu denen Landsleute aus dem gesamten Bundesgebiet angereist kamen, meist in Böblingen. Prominente Personen aus Politik, Wirtschaft und Kultur waren dabei gern gesehene Gäste. Schirmherr der Heimattreffen war viele Jahre Franz Josef II., reg. Fürst von und zu Liechtenstein. In den achtziger Jahren füllten die Räumlichkeiten der Kongresshalle teilweise mehr als 300Teilnehmer.

 

Patenschaften der Stadt

Im Bewusstsein der humanitären Verantwortung für die willkommenen Neubürger  fasste der Böblinger Gemeinderat 1963 unter dem damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Brumme eine weittragende Entscheidung.

Urkundlich wurde festgehalten:

Die Stadt Böblingen hat durch Beschluss des Gemeinderats am 18. Dezember 1963 die Patenschaft für das Nordböhmische Niederland übernommen.

 Als  Patenstadt möchte sie für die Heimatvertriebenen der Bezirke Warnsdorf, Rumburg und Schluckenau ein neuer Mittelpunkt sein und nach Kräften dazu beitragen, die Erinnerung an die niederländische Heimat lebendig zu erhalten sowie ihr Brauchtum, ihre Kultur und ihre Geschichte zu pflegen.“

 

Anlässlich des ersten Bundestreffens der Niederländer in Böblingen am 10. Oktober 1964 wurde die Patenschafts-Urkunde unter Anwesenheit des Staatsministers Hans Schütz dem Vereinsvorsitzendem des BdN und Landtagsabgeordneten Robert Maresch durch Oberbürgermeister Wolfgang Brumme feierlich überreicht.

Aus der anfangs von Obhut geprägten Beziehung der Patenstadt zum Heimatverein entstand ein enges Vertrauensverhältnis. Böblingen unterstützte die Niederländer bei der Gründung ihrer Heimatstube in der Herrenberger Straße und bei Organisierung der Festveranstaltungen, an denen Vertreter der Stadt regelmäßig teilnahmen.

In Anerkennung der Verdienste der Heimatvertriebenen setzte Böblingen 1981 den Niederländern in der Tübinger Straße einen Gedenkstein. Nach jahrelanger erfolgreicher Zusammenarbeit übernahm die Stadt, anlässlich des 20sten Bundestreffens der Niederländer in Böblingen, zwei weitere Patenschaften für die Städte Warnsdorf und Schönlinde.

Die heute überwiegend einer Bekennergeneration angehörenden Vereinsmitglieder sehen den Sinn ihrer Tätigkeiten vor allem in der Förderung der Heimatforschung, Genealogie, und Heimatpflege. Auch setzen sie die Bemühungen ihrer Vorgänger fort, um das heimatliche Brauchtum und die Mundart zu erhalten. Durch ihre Zusammenarbeit mit Museen und Archiven in Tschechien sowie Begegnungen in der alten Heimat ihrer Eltern tragen sie zur Völkerverständigung mit bei.